Dienstag, 26. Juli 2011
21:14 Uhr
Rob Ager hat einmal in einer aufwendigen Detailarbeit die Architektur des Hotels in Kubricks „The Shining“ (1980) analysiert und zahlreiche räumliche Unmöglichkeiten aufgedeckt: Fenster im Gebäudeinneren, Türen zu Räumen, die gar nicht existieren können, überlappende Räume. Er interpretiert dies als absichtliche Fehler Kubricks, um dem Zuschauer ein Gefühl der Desorientierung im Hotel zu vermitteln und eine M.C. Escher–artige Verwirrung zu konstruieren.
Donnerstag, 21. Juli 2011
23:59 Uhr
Kurz vor den Bundestagswahlen 2002 entstand im Rahmen der „Denk ich an Deutschland…“-Reihe (1997 – 2004) unter der Regie von Andreas Dresen der Dokumentarfilm „Herr Wichmann von der CDU“. Er gliedert sich als elfter und bisher vorletzter Beitrag in die inhaltlich nicht zusammenhängende Reihe von dokumentarischen Spiel– und Fernsehfilmen, welche von der Megaherz GmbH Film und Fernsehen für den Bayerischen und Westdeutschen Rundfunk produziert wurden. Waren Dresens bis dato letzte Arbeiten vorwiegend im Fernseh– bzw. Spielfilmbereich angesiedelt („Nachtgestalten“ (1999), „Die Polizistin“ (2000), „Halbe Treppe“ (2002)), markiert „Herr Wichmann von der CDU“ eine Rückkehr ins non-fiktionale Fach. Im vorliegenden Essay wird u.a. die Frage diskutiert, welcher dokumentarischen Herangehensweise sich Dresen für sein Sujet bedient. In diesem Kontext sollen zudem inhaltliche und ästhetische Besonderheiten des Werks analysiert werden. weiterlesen »
Dienstag, 19. Juli 2011
22:56 Uhr
Es gab zahlreiche Versuche zu beschreiben, was „Primer“ eigentlich für ein Film sei. Ein Film für Mathematiker, Philosophen, Nerds und Akademiker, konstatiert Roger Ebert. Häufig ist auch einfach eine lange Reihe von Fragezeichen zu finden, wenn in Internetforen nach dem Film sucht. Dass sie selbst nach viermaligem Schauen den Film nicht verstanden hätten, erklären andere. Die vermutlich witzigste Beschreibung des Independent-Films ist wohl dem Webcomic xkcd gelungen, der sehr bildlich die Komplexität der Herr-der-Ringe-Trilogie mit der von „Primer“ vergleicht. Wovon handelt „Primer“ nun? Von Zeitreisen. Von wahrscheinlich einem der elaboriertesten Ansätze seit Jahren, einen Film über Zeitreisen zu drehen.
Abe und Aaron, zwei befreundete Physiker, bauen in ihrer Freizeit nebengeschäftlich Computerchips, um ihre eigenen Wissenschaftsprojekte finanzieren zu können. Bei einem Versuch, das Gewicht eines Objektes künstlich zu verringern, fällt ihnen ein merkwürdiger Pilz auf, der plötzlich an einem der Objekte zu finden ist. Nachforschungen ergeben, dass es sich um einen ganz gewöhnlichen Fungus handelt, der aber normalerweise erst nach mehreren Monaten bei Holzgegenständen ansetzt. Noch bevor wirklich klar wird, was geschehen ist, erscheint ein Doppelgänger von Abe, der sich in einen Gebäudekomplex begibt und daraufhin verschwindet. Die Schlussfolgerung, dass eine Zeitreise stattgefunden hat, findet ihre erste Krise, als ein Zeitreisender in die Vergangenheit reist um die Entdeckung der Zeitreise zu verhindern, aber daraufhin eine noch zukünftigere Version des Zeitreisenden sich selbst daran hindert, die Entdeckung zu verhindern.
Freitag, 15. Juli 2011
23:15 Uhr
„In meinen bisher realisierten Filmen wollte ich stets von Menschen erzählen, die sich trotz der Tatsache, daß sie von ihren Mitmenschen abhängig, also unfrei waren, ihre innere Freiheit zu bewahren wußten. Ich zeigte scheinbar schwache Menschen. Doch ich sprach auch von der Kraft dieser Schwachheit, die aus deren moralischer Überzeugung und Position erwächst“. (Tarkowskij 1984)
Neben Sergei M. Eisenstein („Panzerkreuzer Potemkin“, 1925) zählt der 1932 geborene Drehbuchautor und Regisseur Andrei Tarkovsky („Solaris“, 1972) zu den international bekanntesten Vertretern der sowjetischen Filmindustrie. Sein Wirken ist in entscheidendem Maße durch die politischen Umstände zu Beginn seiner Karriere geprägt. Unmittelbar nach Stalins Tod („Tauwetter-Periode“) keimte in der Sowjetunion die Hoffnung einer stückweiten Liberalisierung – auch im kulturellen Sektor – auf. Im Zuge schnell einsetzender Ernüchterung wandten sich viele Künstler „tabuisiertem und konträrem Gelände“ (Schlegel 1987) zu. In Tarkovskys thematischen Fokus rückten Aspekte „der Spiritualität und mystischen Geistigkeit“ (ebd.). Trotz teilweise starkem Widerstand seitens der Regierung – wobei insbesondere der autobiographisch geprägte „Der Spiegel“ (1975) in der Kritik stand (Tarkowskij 1984) – gelang es ihm, zu einem der bedeutendsten und unkonventionellsten Künstler des Landes zu avancieren. Mit einer innovativen Filmsprache und dramaturgisch schwer klassifizierbaren Konzepten stößt er sowohl die Anhänger des klassischen, narrativen Kinos à la Hollywood als auch die Verfechter der filmkünstlerischen Avantgarde gleichermaßen vor den Kopf (ebd., Schlegel 1987). weiterlesen »
Montag, 4. Juli 2011
20:46 Uhr
Entlang des 38. Breitengrades der koreanischen Halbinsel verläuft die koreanisch-koreanische Grenze. Innerhalb der sonst demilitarisierten Zone befindet sich hier die titelgebende Joint Security Area („gemeinsame Sicherheitszone“), eine militärische Siedlung beider Staaten, an der sich nord– und südkoreanische Grenzsoldaten sprichwörtlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen.
„Fotografieren ist verboten. Kommunikation von Südkoreanern mit der nordkoreanischen Seite ist verboten“, wird einer Gruppe von vorbeikommenden Touristen erklärt, als durch einen zufälligen Windstoß einer westlichen Touristin ihre Südkorea-Baseballkappe vom Kopf geweht wird. Sie läuft der Kappe hinterher, muss jedoch mit Erschrecken feststellen, wo die Mütze gelandet ist: hinter der Grenze, gerade 10 cm auf nordkoreanischem Boden. Ein kurzer Moment der Stille, die Touristengruppe tuschelt. Ein nordkoreanischer Wachposten hebt die Kappe auf und reicht sie vorsichtig wieder hinüber. Der Touristenführer nimmt die Mütze entgegen und bedankt sich.
Diese kleine Szene steht inhaltlich in keinem direkten Zusammenhang mit dem Rest der Handlung, kann aber trotzdem als die Schlüsselszene des Film betrachtet werden. Denn einerseits zeigt sie mit einfachsten Mitteln die angespannte Atmosphäre an der koreanischen Grenze, andererseits steht sie sinnbildhaft für die gesamte Handlung des Films: Wenn schon eine einfache Mütze problematisch ist, was würde dann erst passieren, wenn ein ganzer Südkoreaner einmal aus Versehen nordkoreanischen Boden betritt? weiterlesen »
Sonntag, 17. Januar 2010
1:10 Uhr
Michael Haneke im Interview mit Christoph Hochhäusler («Revolver»–Herausgeber, Regisseur von MILCHWALD und FALSCHER BEKENNER) nach der Projektion von DAS WEISSE BAND in der Akademie der Künste am 3. Oktober 2009. weiterlesen »
Mittwoch, 16. September 2009
22:59 Uhr

Dies ist zwar kein Filmhinweis oder dergleichen, aber vielleicht auch ein interessantes Gimmick für so manchen Filmliebhaber:
Der Blogger David Honnorat hat die 250 besten Filme aller Zeiten (nach IMDb Bewertungen) zu einer Art Bahn-Liniennetz in recht anschaulicher Weise zusammengefügt. weiterlesen »
Sonntag, 2. August 2009
22:45 Uhr

Hanna (Marie Bäumer) und Thomas (Milan Peschel), Foto: Senator
Obwohl „Mitte Ende August“ erst sein dritter Film ist, darf man inzwischen wohl gespannt sein, wenn Sebastian Schipper uns sein neuestes Werk präsentiert. Zuletzt durften wir „Ein Freund von mir“ über die Leinwände flimmern sehen und auch mit „Absolute Giganten“ konnte der Regisseur weitaus größere Erfolge feiern als bei seinen Arbeiten als Schauspieler.
Zwei Männer, zwei Frauen, ein Sommer und ein Haus: Davon handelt Sebastian Schippers Film „Mitte Ende August“. — Senator Film Verleih
Beim Lesen dieser (sehr) kurzen Zusammenfassung und betrachten des Film-Trailers kommt schnell der Gedanke auf: Diese Geschichte bekomme ich doch nicht zum ersten Mal erzählt! Möchten wir wirklich noch mehr davon sehen? Sebastian Schippers Film feierte seine Premiere im Forum der 59. Berlinale und tatsächlich lief dort mit Maren Ades „Alle Anderen“ ein in der Handlung sehr ähnlicher Film. weiterlesen »
Sonntag, 5. Juli 2009
15:53 Uhr

Boulevard der Stars bei Nacht
Die Entscheidung ist gefallen: Berlin erhält einen „Boulevard der Stars“. Von kommendem Jahr an werden am Potsdamer Platz vorerst rund vierzig Sternchen für ihre Leistungen geehrt und im Rampenlicht einer Installation erstrahlen (siehe Foto rechts). Die Entwürfe sind ab Montag in der Deutschen Kinemathek zu sehen.
Das Konzept der Berliner Agenturen GRAFT und ART+COM, die den ersten Preis im Ideenwettbewerb gewonnen haben, geht weit über einen Roten Teppich für Filmschaffende hinaus. In der Online-Präsentation von GRAFT heißt es dazu: „Der Boulevard der (Film-) Stars bildet den Auftakt zu einem Grand Boulevard der Künste zwischen Potdamer Platz und Nationalgalerie. Vier Abschnitte entlang der Potsdamer Straße werden den Schaffensbereichen Film, Musik, Gestaltung und Bildende Kunst gewidmet.“ Im Namen der Jury sagte die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher: „Der siegreiche Entwurf von GRAFT und ART+COM spielt sehr überzeugend mit den uns vertrauten Symbolen festlicher Inszenierungen des Filmschaffens – dem roten Teppich, Scheinwerferlicht, Sternen für die Stars – und bündelt diese auf eine geradezu selbstverständliche Weise zu einem permanenten Auftritt im Stadtraum.“ weiterlesen »
Donnerstag, 30. April 2009
23:46 Uhr

Mehr und mehr rücken türkische Filme in das Blickfeld deutscher Cineasten. Bisher waren es oft in Deutschland geborene und lebende Türken, die mit ihren transkulturellen Filmen für Aufsehen sorgten. Fatih Akin gehört mit seinen Werken „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ wohl zu den bekanntesten türkischen Regisseuren.
Dem wachsenden interkulturellen Bewusstsein unserer Stadt, das sich unter anderem in Veranstaltungen wie der nunmehr zum siebenten Male stattfindenden Berliner Türkischen Filmwoche (26. März – 4. April) artikuliert, können wir es danken, dass unser Blick nicht nur auf in Deutschland produzierte türkische Filme beschränkt bleibt, sondern auch rein türkische Produktionen unsere Aufmerksamkeit wecken. So sorgte unlängst der Film „Mustafa“ von Can Dündar nicht nur in der Türkei für Aufruhr – dort hat er wegen angeblich verhetzender Darstellung des „Nationalheiligen“ Kemal Atatürk bereits mehrere Prozesse gegen sich zu stehen. Auch Filme wie „Sonbahar“ (Herbst) von Özcan Alper und „Hayat Var“ (Es gibt ein Leben/ Hayat existiert) von Reha Erdem finden nun internationale Aufmerksamkeit. Letzterer bekam bei den zurückliegenden Berliner Filmfestspielen den Publikumspreis. weiterlesen »
Mittwoch, 29. April 2009
1:04 Uhr
Rache als zentrales Motiv erfreut sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts stetig wachsender Beliebtheit bei Filmemachern und Publikum. Gleiches wird mit Gleichem vergolten. Entweder dadurch begründet, dass dem Protagonisten Unverzeihliches angetan wurde (Thriller – Ein unbarmherziger Film (1974), Der Graf von Monte Cristo (1975), Kill Bill Vol. 1+2 (2003/2004), Oldboy (2003)) oder aber einer ihm nahe stehenden Person (Die Jungfrauenquelle (1960), dessen Remake Last House on the Left (1972), Spiel mir das Lied vom Tod (1968), Irreversibel (2002), Sweeney Todd (2007)). Der auf dem gleichnamigen Alan Moore-Comic basierende V wie Vendetta (2006), derzu erster Kategorie gehört, greift dieses in beinahe allen denkbaren Variationen durchgespielte Motiv auf und verbindet es mit den dystopischen Welten von George Orwell (1984) und Ray Bradbury (Fahrenheit 451).
James McTeigues V wie Vendetta spielt im faschistischen Groß Britannien der Zukunft. Allgemeine Unsicherheit und ein totalitäres Regierungssystem verdammen die öffentliche Stimme zur Passivität. Als Anführer der Revolution setzt es sich der Maskierte V zum Ziel, die unterdrückte Öffentlichkeit zu befreien und den tyrannischen Großkanzler Adam Sutler zu stürzen. Erlebnisse aus Vs Vergangenheit machen aus dem Befreiungsschlag ein persönliches Rache-Szenario. Mittendrin Evey Hammond, die sich für eine Seite entscheiden muss. weiterlesen »
Samstag, 28. März 2009
14:27 Uhr

Szene aus Nicht schummeln, Liebling (DDR 1973)
Der Ball ist rund und eine Filmrolle auch – was liegt da näher, als beides miteinander zu verbinden? Gar nichts, antworten die Organisatoren des Filmfestivals 11mm, wir machen das schließlich schon zum sechsten Mal. Vom 3. bis 6. April sind sie wieder zu Gast im Babylon-Mitte und präsentieren – stolz wie ein 11-jähriger Libero nach einem erfolgreichen Abwehrgrätscher – eine exklusive Sammlung von 35 Fußball-Filmen aus der ganzen Welt, darunter den allerallerersten Bollywood-Film rund ums runde Leder (Dhan Dhana Dhan GOAL, 2007). Im Zentrum des Festivals steht jedoch nicht das Neue aus der Ferne, sondern das Alte aus der Heimat: eine eigene Filmreihe, die es sich zur Aufgabe macht, „Mosaiksteine der deutsch-deutschen Fußball-Realität zusammenzusetzen“. Gemeint sind Fußball-Filme aus der ehemaligen DDR, darunter Juwelchen und ungeschliffene Kieselsteine wie Der neue Fimmel (1960), Nicht schummeln, Liebling (1973) und Der nackte Mann auf dem Sportplatz (1974), die erstmals nach 1989 in voller Länge gezeigt werden, sowie einige Beiträge aus der BRD, die sich mit dem Fußball in der DDR zum Teil kritisch auseinandersetzen. Ein Urteil bilde sich jeder selbst. Und anschließend bolzen wir ne Runde auf dem Rasen vor der Volksbühne.
Das komplette Festivalprogramm mit Informationen zu den Filmen: www.11-mm.de
Weitere Informationen: www.babylonberlin.de
Donnerstag, 26. März 2009
17:16 Uhr
Die Filmgeschichte hat bewiesen, dass bei der Adaptionen von Buchvorlagen – oder auch im Fall von Computerspielen – oftmals besonders essentielle Aspekte nicht oder nur ungenügend Berücksichtigung finden. Im Fall von Robert Montgomerys Die Dame im See (Lady in the Lake, 1947) gingen die Verantwortlichen das Projekt hingegen besonders wohlwollend an und übernahmen aus Raymond Chandlers gleichnamigen Roman die Ich–Perspektive in einem filmisch interessanten Experiment gleich mit. Das Resultat ist ein Werk mit Seltenheitswert, welches seine Geschichte von Anfang bis Ende aus der subjektiven Perspektive des Protagonisten erzählt. Inhaltliche Aspekte der Vorlage blieben hingegen auf der Strecke.
Der Privatdetektiv Philip Marlowe erhält den Auftrag, nach der leichtlebigen Gattin des Pulproman-Herausgebers Derace Kingsby zu suchen. Jene soll sich nach Mexiko abgesetzt haben und scheint unauffindbar. Für Marlowe zunächst kein besonderer Fall, gäbe es nicht auffällige Querverbindungen zu zwei Morden, die aus der gesuchten Chrystal Kingsby eine potentielle Verdächtige machen.
In über 100 Jahren Filmgeschichte hat sich ein kleines Repertoire an (erzähl)technischen „Gimmicks“ angesammelt, die sich – sei es aus ökonomischen oder narrativen Aspekten - nie wirklich durchsetzen konnten. Zu diesen zählen unter anderem das 3D-Verfahren (Jaws 3-D (1983), Und wieder ist Freitag, der 13. (1982), Amityville 3 (1983), Spy Kids 3: Game Over (2003)), aber auch das Erzählen einer Geschichte durch rein subjektive Einstellungen. Robert Montgomery wagt in Die Dame im See diesbezüglich einen interessanten Versuch, der innerhalb Hollywoods Schwarzer Serie zweifelsohne ein Unikum darstellt. Durch direkteren visuellen Zugang zur Geschichte soll der Zuschauer stärker vom Medium Film absorbiert werden. Menschliche Sehgewohnheiten werden versuchsweise mimetisch reproduziert, eine Zuspitzung des unsichtbaren Schnitts angestrebt. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall. Anstatt Nähe bildet sich kühle Distanz, hervorgerufen durch den Fremdkörper der durchgängig subjektiven Einstellungen. Die Erzähltechnik beansprucht die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums und führt dem Zuschauer, dessen filmische Sehgewohnheiten bis dato bei weitem anderen Maximen folgten, in jedem Moment die Künstlichkeit der Inszenierung vor Augen. Die Erzähltechnik steht hier ihrer Intention selbst im Weg.
Sonntag, 15. März 2009
14:34 Uhr

Familienbande
Francois Truffauts Spielfilmdebüt lässt sich am treffendsten mit dem Phänomen des Schmetterlingseffekts vergleichen, nach welchem einer kleinen Anomalie die Fähigkeit zugeschrieben wird, unabsehbare Veränderungen nach sich zu ziehen. Diese kleine Anomalie im französischen Kino Ende der 50er Jahre heißt Sie küßten und sie schlugen ihn (OT: Les Quatre Cents Coups, 1959). Ein sehr privates Spielfilmdebüt und zugleich eine Auflehnung gegen den konventionellen französischen Film (cinéma de papa), mit welchem der damals 27-Jährige bereits in seiner Tätigkeit als Filmkritiker scharf ins Gericht zu gehen pflegte. Der Gestus des Aufbegehrens bleibt jedoch nicht allein prägend für dieses Erstlingswerk. Sie küßten und sie schlugen ihn liest sich ebenso als Dokument der Liebe – Truffauts Liebe zum Kino, so wie er es sich erträumt und für die Zukunft wünscht.
Sie küßten und sie schlugen ihn bekleidet in Truffauts Gesamtwerk eine ganz besondere Position. Der Film markiert einen Anfang in dreierlei Hinsicht – den Anfang einer erstaunlichen Karriere, die Initialzündung der kurzlebigen Nouvelle Vague sowie den Beginn des Antoine-Doinel-Zyklusses - Truffauts filmisches Alter Ego, dessen Lebens‑ und Leidensweg ihn Zeit seiner Karriere beschäftigen sollte (Liebe mit Zwanzig (1962), Geraubte Küsse (1968), Tisch und Bett (1970) und Liebe auf der Flucht (1979). Anhand dieses Ersatz-Ichs betrieb Truffaut über die Spanne von 20 Jahren kreative Selbsttherapie – versteckt unter dem Mantel des Geschichtenerzählens. weiterlesen »
Samstag, 14. März 2009
13:35 Uhr
Schattenseiten
Klatsch und Tratsch gleicht einem Volkssport. Die Menschen absorbieren Gerüchte und verbreiten sie weiter. Sie lieben den anrüchigen Mief — so lange dieser nicht von der eigenen schmutzigen Wäsche herrührt. Je abgründiger, desto besser. Homosexualität, Kommunismus, Drogenmissbrauch und Gewaltverbrechen sind der Stoff, aus dem in Hollywood Mitte des 20. Jahrhunderts pechschwarze Klatsch-Alpträume für so manche prominente Persönlichkeit gewoben werden. Die einen verpuffen noch ehe ihr Klang verhallt ist, andere hingegen haften hartnäckig. Alles streng vertraulich und „Hush-Hush“. Selbstverständlich! Curtis Hansons L.A. Confidential (1997), basierend auf dem gleichnamigen Mammutwerk des wortgewaltigen Kriminalautors James Ellroy, präsentiert solch ein düsteres Alptraumnetz aus Verbrechen und Klatsch — die Film bzw. Buch gewordene Antithese zur vordergründigen Glamourwelt der Traumfabrik Hollywoods. weiterlesen »
Montag, 9. März 2009
0:27 Uhr
Sie ist Yella: In den Westen gehen, dem miefigen Osten den Rücken kehren, ein kleiner Schritt nur, zwei Bahnstunden, von Wittenberge nach Hannover. Zeit ohne Zukunft hinter sich lassen, mit ihr das Scheitern und das Symbol des Scheiterns: den klebrigen Freund, der am Gestern hängt, als böte ein Morgen ohne sie nur das Ende des Lebens. Vom Abstellgleis auf die ICE-Strecke wechseln, das Kopfsteinpflaster gegen geteerten Asphalt tauschen, die Elbauen gegen den Ozean, die Ebene, die Butzenscheiben des Erdgeschosses verlassen, das oberste Stockwerk im Glaspalast der Finanzwelt beziehen.
Nicht reparieren, nicht wieder aufbauen wollen, nicht Pappe in den richtigen Container sortieren, vor allem: nicht mehr Bahn fahren müssen. Das alles treibt, oder das alles zieht Yella (Nina Hoss), und der Neuanfang im Westen wäre einfacher — vielleicht auch schwerer -, gäbe es da nicht diesen zurückgelassenen Ben (Hinnerk Schönemann), der nicht verstehen kann, dass die Zeit eine andere geworden ist. Er will den Neuanfang im Gestern, sie wittert den Neuanfang im Morgen — ohne ihn. Er meint gemeinsam, sie macht dies einsam. Sie schweigt. Er redet von Liebe. weiterlesen »

