Donnerstag, 30. April 2009
23:46 Uhr

Mehr und mehr rücken türkische Filme in das Blickfeld deutscher Cineasten. Bisher waren es oft in Deutschland geborene und lebende Türken, die mit ihren transkulturellen Filmen für Aufsehen sorgten. Fatih Akin gehört mit seinen Werken „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ wohl zu den bekanntesten türkischen Regisseuren.
Dem wachsenden interkulturellen Bewusstsein unserer Stadt, das sich unter anderem in Veranstaltungen wie der nunmehr zum siebenten Male stattfindenden Berliner Türkischen Filmwoche (26. März – 4. April) artikuliert, können wir es danken, dass unser Blick nicht nur auf in Deutschland produzierte türkische Filme beschränkt bleibt, sondern auch rein türkische Produktionen unsere Aufmerksamkeit wecken. So sorgte unlängst der Film „Mustafa“ von Can Dündar nicht nur in der Türkei für Aufruhr – dort hat er wegen angeblich verhetzender Darstellung des „Nationalheiligen“ Kemal Atatürk bereits mehrere Prozesse gegen sich zu stehen. Auch Filme wie „Sonbahar“ (Herbst) von Özcan Alper und „Hayat Var“ (Es gibt ein Leben/ Hayat existiert) von Reha Erdem finden nun internationale Aufmerksamkeit. Letzterer bekam bei den zurückliegenden Berliner Filmfestspielen den Publikumspreis.
Zwei kleine Einblicke folgen in eine so noch nicht gekannte „orientalische“ Kultur.
Sonbahar (Herbst):

Es geht um den 32-jährigen Yusuf (Onur Saylak), der sich in den 90er Jahren in der Türkei für den Sozialismus einsetzte. Zwölf Jahre Freiheitsstrafe bekam er für seine gegen den Staat gerichteten politischen Aktivitäten. Nach zehn Jahren kommt er vorzeitig aus einem der F-Typ-Gefängnisse – für die Härte ihres Strafvollzugs berüchtigt – wieder frei. Er ist ein gebrochener Mann. Ohne Hoffnung. Ohne Zukunft. Seine Lungen sind nach einer Reihe von Hungerstreiks kaputt, seine Lebenserwartung gering.
Im Herbst seines Lebens begibt er sich zurück in sein Heimatdorf in der östlichen Schwarzmeerregion. Stille kehrt ein in sein Leben. Der Vater ist verstorben, die Mutter vor Sorge stark gealtert. Junge Menschen sucht man in diesem Bergdörfchen vergebens. Einzig sein Freund Mikail (Serkan Keskin) ist geblieben. Von seiner einst revolutionären Einstellung blieb jedoch recht wenig – wie bei vielen von Yusufs Freunden. Sie sind sesshaft geworden, haben Familien gegründet – auch die Vergangenheit hat ihn verlassen.
Die Zeit im Gefängnis prägte ihn: Aus der bedrückenden Enge des Hauses flieht er Nacht für Nacht – selbst wenn es regnet — ins Freie. Kontakte zu anderen Menschen fallen ihm schwer. So auch zu der Prostituierten Eka (Megi Kobaladze), die er bei einem Clubbesuch kennen lernt und für ihn von Mikail für eine Nacht gekauft wird. Doch er will sie nicht. Zu sehr lastet die Vergangenheit auf ihm. Die erzählt er Eka. Sie sagt „Du hast also deine besten Jahre im Gefängnis verbracht?!“ — und vergisst dabei, dass es ihr nicht anders geht. Sie ist ebenfalls eine Gefangene. Wenig Geld und eine kleine Tochter in Georgien zwingen sie, das nötige Geld für das Überleben ihrer Familie in der Türkei zu organisieren. Dabei ist sie nicht ungebildet: Ein Buchhändler höhnt, als sie sich ein Buch kauft: „Jetzt werden schon die Prostituierten intellektuell.“ Es verhält sich wohl eher umgekehrt.

Das Herz ist ein wogendes Meer
Mit Yusuf und Eka haben zwei scheinbar in sich ruhende, sehr stille Menschen zueinander gefunden. Doch die Bilder entlarven ihren wahren Seelenzustand. Einmal schlafen beide miteinander, doch bleiben sich trotzdem fern. Fötenhaft zusammengekauert liegen sie nebeneinander auf dem Bett. Beide sehnen sich nach Schutz, nach Geborgenheit.
Diese Szene, die zumindest ein wenig Licht in ihre Ausweglosigkeit wirft, verhallt wie Yusufs Schrei in den wogenden Wellen des Schwarzen Meeres. Denn beiden ist keine gemeinsame Zukunft vergönnt: Ekas Visum läuft aus, sie wird bald darauf ausgewiesen. Und Yusufs Leben nähert sich merklich dem Ende. In der letzten Einstellung stimmt
Yusuf, den seine Mutter für seine Musikalität bewundert, ein Klagelied an. Langsam fließt sein Spiel in einen Klagegesang ein, der Blick wird auf eine Prozession gelenkt, die einen Sarg den Berg hinauf trägt. Sie singen von Yusuf.
Ein trauriger, ein bedrückender Abschied aus diesem Film.
Fazit: Ein Film, der durch seine ruhigen Bilder und seine Wortkargheit besticht. Die vorwiegend low-key geschossenen Bilder unterstreichen die bedrückende Stimmung, die allein das Sujet bereits erzeugt. Nur selten merkt man, welche Last auf Yusuf liegt. Die inhärente Spannung aus nicht erfüllten Träumen & Ansprüchen und einer aussichtslosen Zukunft treten nie in aller Deutlichkeit zu Tage, sondern verweilen in den leeren Blicken Yusufs und Ekas. Gelegentlich flackert Yusufs Erinnerung auf. Dann sieht man Bilder – Originalaufnahmen! — aus der Zeit der sozialen Unruhen in der Türkei.
Lohnenswert für Zuschauer verschiedenster Ansprüche. Für den Fan von Naturaufnahmen wie für Freunde subtiler politischer und gesellschaftlicher Kritik ist in diesem Film gesorgt. Gleich, nach welchem Maß der Zuschauer diesen Film wertet, mit einem Hauch von Melancholie in sich muss jeder diesen Film verlassen.
Land: Türkei
Buch, Regie: Özcan Alper
Kamera: Feza Çaldıran
Darsteller: Onur Saylak (Yusuf), Megi Kobaladze (Eka),
Serkan Keskin (Mikail) u.a.
Länge: 106 Minuten
Originalsprache: Türkisch
Hayat Var (Es gibt ein Leben/ Hayat existiert):

Hayats Leben könnte trister nicht sein: Zusammen mit ihrem alleinerziehenden Vater und mit ihrem lungenkranken, bettlägerigen Großvater lebt sie in einem gecekondu am Hafen Istanbuls. Der Weg zur Schule und nach Hause führt über das Wasser des Hafens, in dem die großen Handelsschiffe ankern und ihre Ware löschen und neu beladen. Die Geräusche der Schiffshörner sind Hayats ständiger Begleiter. So sehr, dass sie ihren Klang zu imitieren sucht. Besonders in Konfliktsituation verfällt sie immer wieder in dieses leise, kaum vernehmbare Summen. Und an Konflikten ist dieser Film reich! In der Schule wird sie ob ihres strengen Fischgeruchs gehänselt und verstoßen. Die Lehrer haben ebenfalls kein Verständnis für dieses stumme Mädchen, das sich zu allem Unglück auch noch beim Spicken erwischen lässt. Der herbei zitierte Vater kann nichts weiter ausrichten, als sich die Taten seiner Tochter anzuhören. Helfen kann er Hayat nicht. Zu sehr ist er darum bemüht, seine kleine Familie mit den Erträgen seiner Fischerei, mit dem Transport von Huren für die Besatzungen der Frachter und mit illegalem Tauschhandel zu versorgen. 
Einzig ein junger Fenerbahçe – Anhänger scheint einen Ausweg aus Hayats Tristesse zu eröffnen. Er sieht in diesem 14-jährigen Mädchen die Frau, zu der sie sich noch längst nicht berufen fühlt. Er kommt ihr nah, ohne ihr zu nah zu kommen. In wohl bemessenem Abstand singt er ihr Liebeslieder und beschützt sie vor gleichaltrigen Jungen. Sie jedoch nimmt ihn nicht wahr – scheinbar. Sie verbleibt in ihrer starren Haltung zu ihm und zur Welt, lässt weiterhin alles Leid über sich ergehen: die oft zu gut gemeinte Bemutterung durch die Nachbarin, die Beleidigungen des Großvaters, die Vergewaltigung durch den Kioskbesitzer.
Als dieses junge Mädchen plötzlich zur Frau wird, ist niemand da, der ihr während dieses Lebenswandels zur Seite steht. Die Mutter ist längst neu verheiratet und voll in Anspruch genommen von ihrem Beruf und einem Säugling. Für Liebe zu ihrer ältesten Tochter ist da wenig Platz. Hayats einzige Unterstützung ist eine Hure, die ihr etwas über das Leben als Frau erzählt und einen roten Lippenstift schenkt. Letzteres ist dabei von größerem Wert. Sonst bleibt ihr nur ein rotes Plüschtier, das auf Druck das Lied „You are my sunshine, my only sunshine…“ spielt.

Es ist von großer Symbolkraft, wenn sie dieses Surrogat menschlicher Liebe fort wirft , als der Film – gemeinsam mit dem sterbenden Großvater – allmählich ausatmet, und gemeinsam mit dem blau und gelb geschminkten Jungen auf einem Schnellboot Richtung Sonnenuntergang fährt, ihr Gesicht vom Lippenstift rot gefärbt. Zwei Großstadtanonyme haben sich gefunden. Und zum ersten Mal lacht Hayat. Es ist so etwas wie ein Happy End.
Fazit: Ein Film voller Konflikte, die allesamt nur angedeutet werden und dadurch die Dynamik und Komplexität des Lebens Istanbuler Großstädter aufschließen, welches der Zuschauer für zwei Stunden mit den Protagonisten begleiten darf. Keine der Figuren dieses Films wirkt synthetisch, sondern wie aus dem Leben gegriffen. Berliner Schule made in Istanbul!
Land: Türkei, Griechenland, Bulgarien 2008
Buch, Regie, Schnitt: Reha Erdem
Kamera: Florent Herry
Musik: Orhan Gencebay
Darsteller: Elit İşcan (Hayat), Erdal Beşikçioğlu (Vater),
Levend Yılmaz (Großvater), Banu Fotocan (Mutter
Länge: 121 Minuten
Originalsprache: Türkisch