Montag, 4. Juli 2011
20:46 Uhr
Entlang des 38. Breitengrades der koreanischen Halbinsel verläuft die koreanisch-koreanische Grenze. Innerhalb der sonst demilitarisierten Zone befindet sich hier die titelgebende Joint Security Area („gemeinsame Sicherheitszone“), eine militärische Siedlung beider Staaten, an der sich nord– und südkoreanische Grenzsoldaten sprichwörtlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen.
„Fotografieren ist verboten. Kommunikation von Südkoreanern mit der nordkoreanischen Seite ist verboten“, wird einer Gruppe von vorbeikommenden Touristen erklärt, als durch einen zufälligen Windstoß einer westlichen Touristin ihre Südkorea-Baseballkappe vom Kopf geweht wird. Sie läuft der Kappe hinterher, muss jedoch mit Erschrecken feststellen, wo die Mütze gelandet ist: hinter der Grenze, gerade 10 cm auf nordkoreanischem Boden. Ein kurzer Moment der Stille, die Touristengruppe tuschelt. Ein nordkoreanischer Wachposten hebt die Kappe auf und reicht sie vorsichtig wieder hinüber. Der Touristenführer nimmt die Mütze entgegen und bedankt sich.
Diese kleine Szene steht inhaltlich in keinem direkten Zusammenhang mit dem Rest der Handlung, kann aber trotzdem als die Schlüsselszene des Film betrachtet werden. Denn einerseits zeigt sie mit einfachsten Mitteln die angespannte Atmosphäre an der koreanischen Grenze, andererseits steht sie sinnbildhaft für die gesamte Handlung des Films: Wenn schon eine einfache Mütze problematisch ist, was würde dann erst passieren, wenn ein ganzer Südkoreaner einmal aus Versehen nordkoreanischen Boden betritt?
Park Chan-Wooks dritter Spielfilm aus dem Jahr 2000 wurde zu seiner Zeit der erfolgreichste (süd-)koreanische Film überhaupt und verhalf dem Regisseur zum Durchbruch. Dieser Durchbruch ermöglichte es ihm später auch seinen bekanntesten Film, den Rachefilm „Oldboy“ zu drehen. Dennoch ist „Joint Security Area“ in Deutschland als auch international nahezu unbekannt, obwohl er doch gerade für das deutsche Publikum etwas merkwürdig Vertrautes hat. Die deutschen Zuschauer kennen Filme über die Teilung eines eigentlich zusammengehörenden Landes in einen kommunistischen und einen demokratischen Staat nämlich nur allzu gut. In Südkorea hingegen gibt es relativ wenige Filme, die explizit die koreanische Teilung thematisieren, da selbst Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks kaum eine Form der Entspannungspolitik stattgefunden hat. Erst mit der sogenannten Sonnenscheinpolitik Ende der 90er Jahre, einem südkoreanischen Äquivalent zur neuen Ostpolitik unter Brandt, soll so ein Film überhaupt erst möglich gewesen sein, erklärt Chan-Wook.
Denn die Handlung ist tatsächlich alles andere als leichtfüßig. Zu Beginn des Film kommt es in der Joint Security Area zu einem Vorfall, bei dem zwei nordkoreanische Grenzposten getötet und einer verwundet werden, ein südkoreanischer Grenzposten ist der bereits geständige Täter. Die Berichte beider Seiten über den Vorfall sind allerdings absolut widersprüchlich. Die Lage ist angespannt und der schweizerische Major Sophie Jang soll den Vorfall aufklären. Sie ist eine koreanischstämmige Schweizerin, die zum ersten Mal in Korea ist, ihre Nationalität und ihre Abstammung machen sie damit zur personifizierten Neutralität. „Ihr Ziel ist es, weder den Süden, noch den Norden zu provozieren. Sie müssen absolut neutral bleiben“, erklärt ihr zu Beginn des Films ihr Vorgesetzter und gibt damit die Worte wieder, die das Filmteam um Chan-Wook sicherlich mehr als einmal gehört hat. Der erste Akt des Films erscheint als solider, aber kaum überragender Politthriller, in dem Detailfragen Aufschluss über den Vorfall geben: Wie lädt der südkoreanische Sergeant Lee seine Waffe? Warum hat er überhaupt seinen Posten verlassen? („Ein dringender Ruf der Natur“, antwortet ein befreundeter Soldat beschönigend.) Warum befinden sich in einer Leiche ganze 8 Kugeln?
Der zweite Akt besteht aus mehreren langen Rückblenden und stellt nicht nur inhaltlich, sondern auch genretechnisch einen Wendepunkt dar. Der Thriller wandelt sich zum Drama einer Freundschaft von Soldaten, die nicht befreundet sein sollten und kulminiert letztendlich in einer komplizierten Situation, die den Zuschauer erahnen lässt, wie es zu dem Vorfall kam. Der dritte Akt löst die Handlung mit großen symbolischen Gesten auf – an prominenter Stelle werden beispielsweise mit Schwermütigkeit die 76 nordkoreanischen Kriegsgefangenen erwähnt, die sich nach dem Ende des Koreakrieges weder für die Rückkehr nach Nordkorea noch für den Verbleib in Südkorea entscheiden konnten und so ins Ausland auswanderten. Der Film legt nahe, dass diese Soldaten nicht in der Lage waren, sich auf Kosten einer Seite für die andere zu entscheiden und daher die Emigration vorzogen.
Mit gekonnten Dialogen macht der Film bewusst, wie 10 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung der Kalte Krieg im Kleinen noch weiter geht. Der zunächst noch durchschnittlich wirkende erste Akt macht sich im weiteren Verlauf durch ein kluges Drehbuch mehr als bezahlt. Aber erst beim zweiten Sehen von Joint Security Area wird einem als Zuschauer bewusst, dass auch der erste Akt eine subtile Treffsicherheit besitzt. Denn sobald deutlich wird, mit wem sich Sergeant Lee anfreundet, wird klar, warum er seinen Posten verlies und warum der Wind die Mütze über die koreanische Grenze wehte:
„Ein dringender Ruf der Natur.“
