Dienstag, 19. Juli 2011
22:56 Uhr
Es gab zahlreiche Versuche zu beschreiben, was „Primer“ eigentlich für ein Film sei. Ein Film für Mathematiker, Philosophen, Nerds und Akademiker, konstatiert Roger Ebert. Häufig ist auch einfach eine lange Reihe von Fragezeichen zu finden, wenn in Internetforen nach dem Film sucht. Dass sie selbst nach viermaligem Schauen den Film nicht verstanden hätten, erklären andere. Die vermutlich witzigste Beschreibung des Independent-Films ist wohl dem Webcomic xkcd gelungen, der sehr bildlich die Komplexität der Herr-der-Ringe-Trilogie mit der von „Primer“ vergleicht. Wovon handelt „Primer“ nun? Von Zeitreisen. Von wahrscheinlich einem der elaboriertesten Ansätze seit Jahren, einen Film über Zeitreisen zu drehen.
Abe und Aaron, zwei befreundete Physiker, bauen in ihrer Freizeit nebengeschäftlich Computerchips, um ihre eigenen Wissenschaftsprojekte finanzieren zu können. Bei einem Versuch, das Gewicht eines Objektes künstlich zu verringern, fällt ihnen ein merkwürdiger Pilz auf, der plötzlich an einem der Objekte zu finden ist. Nachforschungen ergeben, dass es sich um einen ganz gewöhnlichen Fungus handelt, der aber normalerweise erst nach mehreren Monaten bei Holzgegenständen ansetzt. Noch bevor wirklich klar wird, was geschehen ist, erscheint ein Doppelgänger von Abe, der sich in einen Gebäudekomplex begibt und daraufhin verschwindet. Die Schlussfolgerung, dass eine Zeitreise stattgefunden hat, findet ihre erste Krise, als ein Zeitreisender in die Vergangenheit reist um die Entdeckung der Zeitreise zu verhindern, aber daraufhin eine noch zukünftigere Version des Zeitreisenden sich selbst daran hindert, die Entdeckung zu verhindern.
„Primer“ ist das Filmdebüt von Shane Carruth, der nicht nur als Autor und Regisseur, sondern auch Hauptdarsteller (Aaron) fungiert. Als Regisseur hat Carruth dabei eine ungewöhnliche Biografie vorzuweisen, denn statt einer Ausbildung im Filmbereich ist er studierter Software-Entwickler und Mathematiker. Dies macht sich auch im Film bemerkbar: So unterhalten sich Abe und Aaron ohne weiteres über Transistoren, Patentrechte oder Kausalitätsparadoxe und klingen dabei wie reale Physiker. Zusammen mit der Tatsache, dass sie nur ganz zufällig auf einen Mechanismus zur Zeitreise stoßen und dies auch nur schrittweise begreifen, erhält der Film so eine äußerst realistische Atmosphäre – viele große Erfindungen der Weltgeschichte entstanden zufällig bei der Entwicklung anderer Ideen. Gleichzeitig erfordert dieser Ansatz allerdings auch einen hohen Aufmerksamkeitsgrad vom Zuschauer, um zwischen all dem technischen Vokabular den roten Faden nicht zu verlieren.
Neben dem konfusen Plot sind aber auch auf der filmtechnischen Ebene einige interessante Ansätze zu finden. Beispielsweise die Szene, in der Abe nach einer (vermutlichen) Zeitreise wieder erwacht, und sein Erwachen durch Jump-Cuts achronologisch dargestellt wird, um ein beschädigtes Zeitgefühl zu vermitteln. Oder auch die längere Sequenz, in der ein Botenbericht einer Zeitreise die darauffolgende On-Screen-Zeitreise aus dem Off parallel erklärt.
Das Publikum wird in „Primer“ inhaltlich, aber auch narrativ herausgefordert, was zugleich die größte Schwäche und die größte Stärke des Film darstellt. Die größte Schwäche, da man ohne zumindest grobe Kenntnis, was eine Rekursion ist und was das Großvaterparadoxon beschreibt, vom Plot schnell überfordert wird. (Und selbst wenn man beide Begriffe kennt, kann man noch vom Plot überfordert werden.) Die größte Stärke, da „Primer“ einer der wenigen Filme ist, die wirklich noch vom mitdenkenden Zuschauer ausgehen und zu vielfältigen Interpretationen anregen. Fans von Filmen wie „Memento“ oder „Matrix“, die keine Probleme haben sich einen Film mehrmals anzuschauen um ihn zu verstehen, sollten hier voll auf ihre Kosten kommen.
IMDb: Primer (2004)
TVtropes: Time Travel (Kategorisierung und Erläuterung von Zeitreisen im Film)
Eine grafische Interpretation von „Primer“ in neun Zeitlinien (Spoiler!)