Donnerstag, 21. Juli 2011
23:59 Uhr
Kurz vor den Bundestagswahlen 2002 entstand im Rahmen der „Denk ich an Deutschland…“-Reihe (1997 – 2004) unter der Regie von Andreas Dresen der Dokumentarfilm „Herr Wichmann von der CDU“. Er gliedert sich als elfter und bisher vorletzter Beitrag in die inhaltlich nicht zusammenhängende Reihe von dokumentarischen Spiel– und Fernsehfilmen, welche von der Megaherz GmbH Film und Fernsehen für den Bayerischen und Westdeutschen Rundfunk produziert wurden. Waren Dresens bis dato letzte Arbeiten vorwiegend im Fernseh– bzw. Spielfilmbereich angesiedelt („Nachtgestalten“ (1999), „Die Polizistin“ (2000), „Halbe Treppe“ (2002)), markiert „Herr Wichmann von der CDU“ eine Rückkehr ins non-fiktionale Fach. Im vorliegenden Essay wird u.a. die Frage diskutiert, welcher dokumentarischen Herangehensweise sich Dresen für sein Sujet bedient. In diesem Kontext sollen zudem inhaltliche und ästhetische Besonderheiten des Werks analysiert werden. weiterlesen »
Freitag, 15. Juli 2011
23:15 Uhr
„In meinen bisher realisierten Filmen wollte ich stets von Menschen erzählen, die sich trotz der Tatsache, daß sie von ihren Mitmenschen abhängig, also unfrei waren, ihre innere Freiheit zu bewahren wußten. Ich zeigte scheinbar schwache Menschen. Doch ich sprach auch von der Kraft dieser Schwachheit, die aus deren moralischer Überzeugung und Position erwächst“. (Tarkowskij 1984)
Neben Sergei M. Eisenstein („Panzerkreuzer Potemkin“, 1925) zählt der 1932 geborene Drehbuchautor und Regisseur Andrei Tarkovsky („Solaris“, 1972) zu den international bekanntesten Vertretern der sowjetischen Filmindustrie. Sein Wirken ist in entscheidendem Maße durch die politischen Umstände zu Beginn seiner Karriere geprägt. Unmittelbar nach Stalins Tod („Tauwetter-Periode“) keimte in der Sowjetunion die Hoffnung einer stückweiten Liberalisierung – auch im kulturellen Sektor – auf. Im Zuge schnell einsetzender Ernüchterung wandten sich viele Künstler „tabuisiertem und konträrem Gelände“ (Schlegel 1987) zu. In Tarkovskys thematischen Fokus rückten Aspekte „der Spiritualität und mystischen Geistigkeit“ (ebd.). Trotz teilweise starkem Widerstand seitens der Regierung – wobei insbesondere der autobiographisch geprägte „Der Spiegel“ (1975) in der Kritik stand (Tarkowskij 1984) – gelang es ihm, zu einem der bedeutendsten und unkonventionellsten Künstler des Landes zu avancieren. Mit einer innovativen Filmsprache und dramaturgisch schwer klassifizierbaren Konzepten stößt er sowohl die Anhänger des klassischen, narrativen Kinos à la Hollywood als auch die Verfechter der filmkünstlerischen Avantgarde gleichermaßen vor den Kopf (ebd., Schlegel 1987). weiterlesen »
Mittwoch, 29. April 2009
1:04 Uhr
Rache als zentrales Motiv erfreut sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts stetig wachsender Beliebtheit bei Filmemachern und Publikum. Gleiches wird mit Gleichem vergolten. Entweder dadurch begründet, dass dem Protagonisten Unverzeihliches angetan wurde (Thriller – Ein unbarmherziger Film (1974), Der Graf von Monte Cristo (1975), Kill Bill Vol. 1+2 (2003/2004), Oldboy (2003)) oder aber einer ihm nahe stehenden Person (Die Jungfrauenquelle (1960), dessen Remake Last House on the Left (1972), Spiel mir das Lied vom Tod (1968), Irreversibel (2002), Sweeney Todd (2007)). Der auf dem gleichnamigen Alan Moore-Comic basierende V wie Vendetta (2006), derzu erster Kategorie gehört, greift dieses in beinahe allen denkbaren Variationen durchgespielte Motiv auf und verbindet es mit den dystopischen Welten von George Orwell (1984) und Ray Bradbury (Fahrenheit 451).
James McTeigues V wie Vendetta spielt im faschistischen Groß Britannien der Zukunft. Allgemeine Unsicherheit und ein totalitäres Regierungssystem verdammen die öffentliche Stimme zur Passivität. Als Anführer der Revolution setzt es sich der Maskierte V zum Ziel, die unterdrückte Öffentlichkeit zu befreien und den tyrannischen Großkanzler Adam Sutler zu stürzen. Erlebnisse aus Vs Vergangenheit machen aus dem Befreiungsschlag ein persönliches Rache-Szenario. Mittendrin Evey Hammond, die sich für eine Seite entscheiden muss. weiterlesen »
Donnerstag, 26. März 2009
17:16 Uhr
Die Filmgeschichte hat bewiesen, dass bei der Adaptionen von Buchvorlagen – oder auch im Fall von Computerspielen – oftmals besonders essentielle Aspekte nicht oder nur ungenügend Berücksichtigung finden. Im Fall von Robert Montgomerys Die Dame im See (Lady in the Lake, 1947) gingen die Verantwortlichen das Projekt hingegen besonders wohlwollend an und übernahmen aus Raymond Chandlers gleichnamigen Roman die Ich–Perspektive in einem filmisch interessanten Experiment gleich mit. Das Resultat ist ein Werk mit Seltenheitswert, welches seine Geschichte von Anfang bis Ende aus der subjektiven Perspektive des Protagonisten erzählt. Inhaltliche Aspekte der Vorlage blieben hingegen auf der Strecke.
Der Privatdetektiv Philip Marlowe erhält den Auftrag, nach der leichtlebigen Gattin des Pulproman-Herausgebers Derace Kingsby zu suchen. Jene soll sich nach Mexiko abgesetzt haben und scheint unauffindbar. Für Marlowe zunächst kein besonderer Fall, gäbe es nicht auffällige Querverbindungen zu zwei Morden, die aus der gesuchten Chrystal Kingsby eine potentielle Verdächtige machen.
In über 100 Jahren Filmgeschichte hat sich ein kleines Repertoire an (erzähl)technischen „Gimmicks“ angesammelt, die sich – sei es aus ökonomischen oder narrativen Aspekten - nie wirklich durchsetzen konnten. Zu diesen zählen unter anderem das 3D-Verfahren (Jaws 3-D (1983), Und wieder ist Freitag, der 13. (1982), Amityville 3 (1983), Spy Kids 3: Game Over (2003)), aber auch das Erzählen einer Geschichte durch rein subjektive Einstellungen. Robert Montgomery wagt in Die Dame im See diesbezüglich einen interessanten Versuch, der innerhalb Hollywoods Schwarzer Serie zweifelsohne ein Unikum darstellt. Durch direkteren visuellen Zugang zur Geschichte soll der Zuschauer stärker vom Medium Film absorbiert werden. Menschliche Sehgewohnheiten werden versuchsweise mimetisch reproduziert, eine Zuspitzung des unsichtbaren Schnitts angestrebt. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall. Anstatt Nähe bildet sich kühle Distanz, hervorgerufen durch den Fremdkörper der durchgängig subjektiven Einstellungen. Die Erzähltechnik beansprucht die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums und führt dem Zuschauer, dessen filmische Sehgewohnheiten bis dato bei weitem anderen Maximen folgten, in jedem Moment die Künstlichkeit der Inszenierung vor Augen. Die Erzähltechnik steht hier ihrer Intention selbst im Weg.
Sonntag, 15. März 2009
14:34 Uhr

Familienbande
Francois Truffauts Spielfilmdebüt lässt sich am treffendsten mit dem Phänomen des Schmetterlingseffekts vergleichen, nach welchem einer kleinen Anomalie die Fähigkeit zugeschrieben wird, unabsehbare Veränderungen nach sich zu ziehen. Diese kleine Anomalie im französischen Kino Ende der 50er Jahre heißt Sie küßten und sie schlugen ihn (OT: Les Quatre Cents Coups, 1959). Ein sehr privates Spielfilmdebüt und zugleich eine Auflehnung gegen den konventionellen französischen Film (cinéma de papa), mit welchem der damals 27-Jährige bereits in seiner Tätigkeit als Filmkritiker scharf ins Gericht zu gehen pflegte. Der Gestus des Aufbegehrens bleibt jedoch nicht allein prägend für dieses Erstlingswerk. Sie küßten und sie schlugen ihn liest sich ebenso als Dokument der Liebe – Truffauts Liebe zum Kino, so wie er es sich erträumt und für die Zukunft wünscht.
Sie küßten und sie schlugen ihn bekleidet in Truffauts Gesamtwerk eine ganz besondere Position. Der Film markiert einen Anfang in dreierlei Hinsicht – den Anfang einer erstaunlichen Karriere, die Initialzündung der kurzlebigen Nouvelle Vague sowie den Beginn des Antoine-Doinel-Zyklusses - Truffauts filmisches Alter Ego, dessen Lebens‑ und Leidensweg ihn Zeit seiner Karriere beschäftigen sollte (Liebe mit Zwanzig (1962), Geraubte Küsse (1968), Tisch und Bett (1970) und Liebe auf der Flucht (1979). Anhand dieses Ersatz-Ichs betrieb Truffaut über die Spanne von 20 Jahren kreative Selbsttherapie – versteckt unter dem Mantel des Geschichtenerzählens. weiterlesen »
Samstag, 14. März 2009
13:35 Uhr
Schattenseiten
Klatsch und Tratsch gleicht einem Volkssport. Die Menschen absorbieren Gerüchte und verbreiten sie weiter. Sie lieben den anrüchigen Mief — so lange dieser nicht von der eigenen schmutzigen Wäsche herrührt. Je abgründiger, desto besser. Homosexualität, Kommunismus, Drogenmissbrauch und Gewaltverbrechen sind der Stoff, aus dem in Hollywood Mitte des 20. Jahrhunderts pechschwarze Klatsch-Alpträume für so manche prominente Persönlichkeit gewoben werden. Die einen verpuffen noch ehe ihr Klang verhallt ist, andere hingegen haften hartnäckig. Alles streng vertraulich und „Hush-Hush“. Selbstverständlich! Curtis Hansons L.A. Confidential (1997), basierend auf dem gleichnamigen Mammutwerk des wortgewaltigen Kriminalautors James Ellroy, präsentiert solch ein düsteres Alptraumnetz aus Verbrechen und Klatsch — die Film bzw. Buch gewordene Antithese zur vordergründigen Glamourwelt der Traumfabrik Hollywoods. weiterlesen »